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· Fachbeitrag · Medizinwissen

Tremor: Für den Patienten sehr belastend

von Dr. med. Marianne Schoppmeyer, www.medizinundtext.de, Nordhorn

| Mediziner bezeichnen das rhythmische, unbeabsichtigte Muskelzittern eines Körperteils als Tremor. Wohl jeder MFA ist an der Rezeption schon einmal ein Patient begegnet, der auffällig zittert. Während der eine Patient erst zu zittern beginnt, wenn ihm beispielsweise ein Kugelschreiber zum Unterschreiben gereicht wird, zittert der andere fortwährend. Nicht immer muss das krankhaft sein, als störend und belastend empfindet es aber fast jeder Patient. |

Beschreibung eines Tremors

Betroffen können fast alle Körperteile sein: Hände, Arme, Beine, Kopf oder Stimme. Charakterisiert wird ein Tremor anhand verschiedener Merkmale.

 

  • Einteilungsmerkmale des Tremors

Frequenz

Wie schnell ist die Zitterbewegung?

  • langsam, niederfrequent: 2-4 Hz
  • mittelfrequent: 4-7 Hz
  • schnell, hochfrequent: > 7 Hz

Angaben in Hertz (Hz), d. h. Schwingungen pro Sekunde

Amplitude

Wie stark ist die Zitterbewegung?

  • grobschlägig (sehr ausladend)
  • mittelschlägig
  • feinschlägig (wenig ausladend)

Zeitpunkt

Wann tritt das Zittern auf?

  • Ruhetremor (Beispiel: Hände liegen entspannt im Schoß; Zittern wird weniger oder verschwindet, sobald die Hände aktiv werden)
  • Aktionstremor (Beispiel: Patient greift nach einem Kugelschreiber), kann weiter unterteilt werden in
    • Bewegungstremor: tritt bei jeder Art von Bewegung auf (z. B. beim Beugen und Strecken der Arme)
    • Haltetremor: tritt beim Halten von Gegenständen gegen die Schwerkraft auf
    • Intentitionstremor: beginnt, sobald der Patient nach etwas greifen will und verstärkt sich, je näher die Hand dem Gegenstand kommt
 

Formen des Tremors

Tremor kann sowohl als Symptom anderer Erkrankungen oder auch isoliert auftreten (essenzieller Tremor).

 

Physiologischer Tremor

Jeder Mensch zittert ein wenig, ohne dass dies bemerkt wird. Dieser Tremor wird erst sichtbar, wenn beispielsweise ein Blatt Papier mit ausgestreckten Armen gehalten wird oder wenn mit einem Laserpointer auf einen entfernten Punkt gezeigt wird.

 

Dieser sogenannte physiologische Tremor kann sich verstärken durch Kaffeegenuss, Angst oder Aufregung. Andere Ursachen sind Erschöpfung, Stress oder Kälte. Bei Kälte erzeugt die Bewegung der Muskeln Wärme und wärmt den frierenden Körper wieder auf. Ein solcher verstärkter physiologischer Tremor ist normal und verschwindet wieder, sobald die Ursache behoben ist.

 

  • Weitere Ursachen des physiologischen Tremors
  • Medikamente: trizyklische Antidepressiva, Lithium zur Behandlung einer Depression, Valproinsäure zur Behandlung einer Epilepsie, manche Asthmamedikamente, Antiarrhythmika u. a.
  • Internistische Erkrankungen: Überfunktion der Schilddrüse, Überfunktion der Nebenschilddrüse, Unterzuckerung, Kalziummangel, Niereninsuffizienz u. a.
  • Vergiftungen: Alkohol und Alkoholentzug, Drogenentzug
 

Essenzieller Tremor

Der häufigste pathologische - also krankhafte - Tremor ist der essenzielle Tremor. Die Ursachen dieses Zitterns sind nicht geklärt, es wird u. a. eine Störung im Bereich des Kleinhirns vermutet, die aber ansonsten harmlos ist. Der essenzielle Tremor tritt familiär gehäuft auf und kann bereits im Jugendalter beginnen. Meist macht er sich aber erst ab dem 50. Lebensjahr in Form eines Halte- und Bewegungstremors bemerkbar. Am häufigsten sind beide Hände betroffen (ca. 90 Prozent) oder der Kopf (ca. 30 Prozent), weitaus seltener die Stimme (ca. 15 Prozent) oder das Gesicht (ca. 3 Prozent).

 

Für Patienten stellt ein essenzieller Tremor meist eine erhebliche psychosoziale Belastung im Bekanntenkreis und beruflichen Umfeld dar, da er oft mit Stigmatisierung und Diskriminierung verbunden ist. Daneben kann es zu erheblichen funktionellen Einschränkungen im Alltag kommen, die bis zur vorzeitigen Verrentung führen können. Das Zittern bessert sich häufig, wenn die Betroffenen Alkohol trinken.

 

PRAXISHINWEIS | Als MFA sollten Sie Patienten ausdrücklich vor Alkohol als Form der Selbsttherapie warnen, da ein übermäßiger und schädlicher Alkoholkonsum schnell die Folge sein kann. Auch vermuten außenstehende Personen rasch, dass der Alkoholgenuss selbst die Ursache des Zitterns ist.

 

Parkinson-Tremor

Neben dem essenziellen Tremor ist der Parkinson-Tremor weit verbreitet. Dieser tritt typischerweise in Ruhe auf, seltener auch als Haltetremor. Ursache ist ein Mangel des Neurotransmitters (= Nervenbotenstoff) Dopamin im Gehirn.

 

  • Typische Symptome bei Morbus Parkinson
  • Verlangsamung der Bewegungen (Bradykinese) bis hin zur Bewegungsstarre (Akinese),
  • Muskelsteifigkeit (Rigor)
  • Störung der Halte- und Stellreflexe, die den Körper bei Bewegungen in seiner Balance halten (posturale Instabilität).
 

Wichtig | Weiterhin können bei Morbus Parkinson Begleitsymptome wie Gedächtnisprobleme, Schlafstörungen, Störung des Geruchssinns, Depressionen, Rückenschmerzen auftreten.

 

Weitere Tremorformen

Weitaus seltener treten die folgenden Formen eines Tremors in der Praxis auf.

 

  • Seltenere Formen des Tremors

Orthostatischer Tremor

Orthostatischer Tremor führt bei angespannter Beinmuskulatur im Stehen zu Standunsicherheit, wobei der Tremor der Beinmuskulatur häufig nicht auffällt. Das Gehen ist meist deutlich weniger betroffen.

Tremor bei Dystonien

Die Dystonie ist eine Bewegungsstörung bei der es zu Verkrampfungen der Muskulatur kommt. Hierzu zählen zum Beispiel der Schreibkrampf oder der Schiefhals (Torticollis spasmodicus). Viele Patienten mit Dystonie haben in den betroffenen Körperteilen zusätzlich ein Muskelzittern. So ist der Schreibkrampf häufig mit einem Zittern der Hände verbunden, der Schiefhals mit einem Zittern des Kopfes.

Zerebellärer Tremor

Beim zerebellären Tremor handelt es sich um einen Intentions- und Bewegungstremor bei einer Schädigung des Kleinhirns (z. B. Tumor, Multiple Sklerose, Ischämie), der die Betroffenen im Alltag deutlich einschränkt.

Psychogener Tremor

Zittern kann auch psychisch bedingt sein. Typisch sind das plötzliche Auftreten des Tremors und das spontane Verschwinden. Häufig ist der Tremor nicht rhythmisch, also mal nieder-, mittel- oder hochfrequent. Auch kann der Tremor bei geistiger Belastung oder im beiläufigen Gespräch verschwinden.

 

Therapie des Tremors

Für die Therapie ist es wichtig zu klären, um welche Form eines Tremors es sich handelt. Ausgeschlossen werden sollten alle Grunderkrankungen, die einen Tremor verursachen können sowie Medikamente, die einen Tremor als unerwünschte Wirkung hervorrufen. Auch nach anderen begünstigenden Faktoren sollte gefahndet werden.

 

PRAXISHINWEIS | Wirkt ein Patient beispielsweise angespannt und gestresst, ist das Erlernen von Entspannungsübungen wie autogenem Training, Yoga oder progressive Muskelrelaxation nach Jacobson sinnvoll (siehe PPA 10/2014, Seite 11).

 

Ist der Patient durch den Tremor deutlich beeinträchtigt, sollten Medikamente eingesetzt werden. Hierzu zählen Betablocker und Antiepileptika wie Primidon, Topiramat oder Gabapentin. Diese Medikamente wirken jedoch nicht ursächlich. Werden die Medikamente nicht mehr eingenommen, tritt auch der Tremor erneut auf. Daher sollten Nutzen und Risiko bzw. Nebenwirkungen gut gegeneinander abgewägt werden. Ein Parkinson-Tremor wird spezifisch mit dopaminergen Substanzen behandelt.

Quelle: Ausgabe 11 / 2016 | Seite 4 | ID 44291818