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· Fachbeitrag · Medizinwissen

Für viele Patienten ein Tabuthema: Inkontinenz

von Dr. Marianne Schoppmeyer, Ärztin und Medizinjournalistin, Nordhorn und Mihrican Özdem, Diplompsychologin, Landau

| Harninkontinenz ist ein häufiges Problem, das Menschen jeden Alters treffen kann. Etwa jeder zehnte Deutsche ist betroffen. Die Dunkelziffer ist hoch, denn auch heute noch geht nicht jeder Patient wegen Inkontinenz zum Arzt. Hauptgrund ist, dass es vielen Patienten unangenehm ist, über dieses sensible Thema zu sprechen - selbst mit ihrer Familie. Was Sie als MFA bei der Versorgung betroffener Patienten beachten müssen und wie Sie in der Gesprächssituation am besten mit ihnen umgehen, fasst der folgende Beitrag für Sie zusammen. |

Formen der Harninkontinenz

Bei der Inkontinenz kommt es zum unfreiwilligen Abgang von Urin. Es werden fünf verschiedene Formen der Inkontinenz unterschieden.

 

  • Formen der Inkontinenz

Belastungsinkontinenz

Bei der Belastungsinkontinenz (früher: Stressinkontinenz) ist die Muskulatur des Beckenbodens, zum Beispiel durch mehrere Geburten, bei Übergewicht, chronische Obstipation oder Östrogenmangel in den Wechseljahren geschwächt. Wenn nun die Bauchmuskulatur angespannt wird wie beim Lachen, beim schweren Heben, beim Husten oder Pressen kommt es zum Druckanstieg im Bauchraum bzw. in der Blase und zum unwillkürlichen Verlust von Urin. Beckenboden und Schließmuskulatur der Blase können dieser Druckzunahme nicht genug entgegensetzen.

Dranginkontinenz

Bei der Dranginkontinenz (oder überaktiven Blase) besteht der häufige Drang, Wasser zu lassen, der auch willentlich nicht unterdrückt werden kann. Ursache ist eine gestörte Steuerung der Blasenwandmuskulatur, welche sich schon bei kleinen Füllmengen zusammenzieht. Ursachen können Blasenentzündungen, Blasensteine, eine vergrößerte Prostata oder Verengungen der Harnröhre sein.

Überlaufinkontinenz

Bei der Überlaufinkontinenz kann die Blase nicht vollständig entleert werden und es gehen ständig kleine Menge Urin ab. Die Blase läuft über. Ursache ist häufig eine Abflussbehinderung wie beispielsweise eine vergrößerte Prostata, eine Verengung der Harnröhre oder Blasensteine.

Reflexinkontinenz

Die Betroffenen spüren keinerlei Harndrang und es kommt zur automatischen Blasenentleerung. Ursache sind Rückenmarksverletzungen oder Multiple Sklerose.

Extra-urethrale Inkontinenz

Es kommt zu ständigem Urinverlust aufgrund von Fisteln, beispielsweise zwischen Blase und Scheide. Ursache ist meist eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung, Unfälle oder Operationen.

 

 

Hinweis | Belastungs- und Dranginkontinenz sind die häufigsten Formen der Inkontinenz, die auch gemeinsam auftreten können. Es wird dann von Mischinkontinenz gesprochen.

Diagnose und Risikofaktoren

Es ist von entscheidender Bedeutung, zwischen den verschiedenen Formen der Inkontinenz zu unterscheiden. Denn die Therapiemöglichkeiten richten sich nach der jeweiligen Erkrankung. Die Diagnose stellt der Arzt, in dem er den Patienten befragt und die Geschlechtsregion sowie den Darm untersucht. So kann er Entzündungen, Nierensteine, eine vergrößerte Prostata oder eine Gebärmuttersenkung feststellen. Meist folgen eine Urin- und Blutuntersuchung sowie eine Sonografie. Falls der Hausarzt mit diesen Methoden die Ursache der Inkontinenz nicht vollständig klären kann, sind weitergehende Untersuchungen - meist durch einen Urologen oder Frauenarzt - notwendig.

 

Personen, auf die einer oder mehrere der folgenden Risikofaktoren zutreffen, sind für Inkontinenz besonders anfällig:

 

  • Höheres Alter
  • Mehrere Geburten bei Frauen
  • Übergewicht
  • Vergrößerte Prostata bei Männern
  • Häufige Harnwegsinfekte
  • Einnahme von Diuretika, β-Blockern, Antidepressiva

Therapeutische Möglichkeiten

Wenn klar ist, an welcher Form der Inkontinenz Ihr Patient leidet, kann eine individuelle Therapie eingeleitet werden. Diese führt bei immerhin 80 bis 90 Prozent der Betroffenen zu einer deutlichen Besserung der Beschwerden.

 

  • Therapeutische Maßnahmen bei Drang- und Belastungsinkontinenz
Erkrankung
Nicht-medikamentös
Medikamentös

Dranginkontinenz

  • Führen eines Miktionstagebuchs zur Beobachtung der tatsächlichen Blasenfüllung. Notiert werden Trinkmenge, Dranggefühl, Toilettenbesuch und Harnmenge (Vorlage online unter http://tinyurl.com/o23fbta).
  • Gezieltes Training der Beckenbodenmuskulatur (siehe PPA 07/2015, Seite 8), möglichst unter physiotherapeutischer Anleitung
  • Blasentraining: Die Patienten trainieren, nur zu bestimmten Uhrzeiten zur Toilette zu gehen und so ihre Blase an diese Zeiten zu gewöhnen.
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  • Hinweis | Erklären Sie Ihren Patienten, dass sie sich möglichst an die festgelegten Zeiten halten und nicht dem ersten Harndrang nachgeben sollen. Langsam können dann die Abstände zwischen den einzelnen Toilettengängen vergrößert werden.
  • Anticholinergika zur Dämpfung der Aktivität der Blasenmuskulatur (Wirkung nach etwa vier bis sechs Wochen)
  • Mirabegron (Beta-3-Sympathomimetikum)
  • Injektion von Botulinumtoxin i. m. in den Blasenwandmuskel

Belastungsinkontinenz

  • Gezieltes Training der Beckenbodenmuskulatur, möglichst unter physiotherapeutischer Anleitung
  • Elektrostimulation des Beckenbodens
  • Duloxetin (Noradrenalin-Serotonin-Wiederaufnahmehemmer)
 

Der Therapieerfolg ist immer auch von der Mitarbeit des Patienten abhängig. Folgende Hinweise helfen Patienten, mit der Erkrankung zurechtzukommen.

 

  • Patiententipps für den Alltag
  • Viele inkontinente Patienten trinken zu wenig, um nicht ständig zur Toilette gehen zu müssen. Der Körper braucht jedoch täglich etwa zwei Liter Flüssigkeit. Diese Flüssigkeit kommt auch der Blase zugute. Denn geringe, stark konzentrierte Urinmengen reizen die Blasenschleimhaut und verstärken so den Harndrang.
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  • Ausreichend Flüssigkeit beugt auch einer Obstipation vor und macht so das Pressen beim Stuhlgang überflüssig, sodass der Beckenboden nicht zusätzlich belastet wird. Um einer Obstipation vorzubeugen, sollten Ihre Patienten auch auf eine ballaststoffreiche Ernährung mit viel Vollkornprodukten, Obst und Gemüse achten.
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  • Eine Reduktion des Körpergewichts vermindert den Harndrang und den unwillkürlichen Urinabgang.
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  • Wenn sich trotz aller Therapien kein Erfolg einstellt, bieten aufsaugende Inkontinenzhilfen eine große Erleichterung. Einlagen oder Inkontinenz-Slips können bei gesicherter Diagnose (mittelgradige Inkontinenz mit einer Ausscheidungsmenge von mindestens 100 ml in vier Stunden) nicht budgetiert verschrieben werden.
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  • Hinweis | Weisen Sie Ihre Patienten aktiv auf die Möglichkeit der Rezeptierung hin. Viele Patienten bezahlen Inkontinenzhilfen aus Unwissenheit oft selbst. Inkontinenz-Hilfsmittel unterliegen der gesetzlichen Zuzahlungspflicht von maximal 10 Prozent, maximal 10 Euro pro Monat je Indikation.
 

Auf Augenhöhe: Umgang mit inkontinenten Patienten

Eine Befragung der Deutschen Kontinenz Gesellschaft im Rahmen eines offenen Patientenforums ergab, dass rund 60 Prozent der an Inkontinenz erkrankten Menschen nicht beim Arzt waren, auch wenn sie teilweise schon jahrelang unter Inkontinenz litten. Ursachen dafür sind Schamgefühle, Hemmungen, die richtigen Worte zu finden, Unkenntnis über die Therapiemöglichkeiten und Angst vor unangenehmen körperlichen Untersuchungen. Als MFA ist es unter anderem Ihre Aufgabe, sich in betroffene Patienten hineinversetzen zu können und Ihnen durch Ihr Auftreten Ihre Ängste und Schamgefühle zu nehmen.

 

Psychologie der Inkontinenz

Viele Betroffene erleben Inkontinenz als sehr belastend, weil sie den Alltag stark einschränkt. Sie müssen sich mit geeigneten Hilfsmitteln herumschlagen und gehen nicht oft aus dem Haus, aus Angst, nicht rechtzeitig eine Toilette zu finden. Isolation ist die Folge. Die psychische Belastung wiegt umso schwerer: Angst vor Geruchsbelästigung bzw. Gesichtsverlust, das Gefühl, zum Kind geworden zu sein. Sie fühlen sich nicht mehr als vollwertiger Mensch, das Selbstwertgefühl leidet. Statt aktiv mit dem Problem umzugehen und sich helfen zu lassen, ziehen sie sich zurück.

 

Was bedeutet das für Sie als MFA?

Für Sie als MFA bedeutet das, in der Praxis offen mit dem Thema Inkontinenz umzugehen und eine Atmosphäre zu schaffen, in der Patienten darüber sprechen können. Sie kennen Ihre Patienten häufig schon über viele Jahre und haben ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Seien sie besonders sensibel gegenüber Patienten, die einen oder mehrere Risikofaktoren der Inkontinenz aufweisen (siehe Abschnitt „Diagnose und Risikofaktoren“).

 

PRAXISHINWEIS | Wenn Sie das Gefühl haben oder auch wissen, dass ein Patient inkontinent ist, sollten Sie es unbedingt dem Arzt mitteilen. Dieser kann dann bei den anamnestischen Grundfragen in Sachen Wasserlassen etwas genauer nachfragen.

 

Was sollten Sie als MFA im Gespräch mit betroffenen Patienten beachten?

Im Gespräch mit betroffenen Patienten kommt es vor allem darauf an, dass Sie sie so respektieren, wie sie sind.

 

  • Inkontinente Patienten: Hinweise zur Kommunikation
  • Sprechen Sie das Thema „Inkontinenz“ nicht von sich aus an, wenn Sie bemerken, dass Ihr Patient davon betroffen ist. Dafür gibt es zwei gute Gründe:

 

    • Es wird Patienten geben, deren Scham so groß ist, dass sie trotz augenscheinlicher Inkontinenz nichts dazu sagen. Respektieren Sie dies, verhalten Sie sich „ganz normal“ zugewandt und machen Sie Ihre Arbeit.
    • Es gibt auch Patienten, die durchaus selbstbewusst mit dem körperlichen Defizit umgehen. Äußerungen wie „Sie brauchen sich nicht zu genieren“ wären dann sehr fehl am Platz.
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  • Ihr Patient ist ein erwachsener Mensch. Spricht er die Inkontinenz selbst an, macht er zum Beispiel eine Randbemerkung dazu, nehmen Sie das nicht zum Anlass, mit ihm wie zu einem Kind zu sprechen. Das vergrößert das Gefühl, kein vollwertiger Mensch zu sein. Ein nett gemeinter Witz kann somit großen Schaden verursachen.
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  • Wenn Sie erkennen, dass Ihr Patient mit dem Problem nicht zurechtkommt, sagen Sie ihm, dass mehr Menschen davon betroffen sind als er glaubt. Zu erfahren, zu einer größeren Gruppe zu gehören, beruhigt und nimmt ein wenig die Scham. Internetforen von betroffenen Patienten (zum Beispiel www.inkontinenz-selbsthilfe.com) können ihm auch das Gefühl geben, nicht allein zu sein.
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  • Lassen Sie den Patienten wissen, dass Inkontinenz kein Schicksal ist, mit dem man sich abfinden muss. Fragen Sie ihn, ob er bereits mit dem Arzt gesprochen hat. Es gibt Behandlungsmöglichkeiten, zum Beispiel das Beckenbodentraining (siehe PPA 07/2015, Seite 8). Raten Sie Ihrem Patienten, sich umfassend darüber zu informieren, welche Methode bei ihm infrage kommt.
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  • Bleiben Sie im Gespräch unbedingt respektvoll, sprechen Sie mit Ihrem Patienten auf Augenhöhe. Inkontinenz ist lediglich eine körperliche Fehlfunktion (die auch psychische Ursachen haben kann) wie jede andere Erkrankung auch. Geben Sie Ihrem Patienten nicht das Gefühl, an etwas Besonderem zu leiden.
 
Quelle: Ausgabe 07 / 2015 | Seite 4 | ID 43477335