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02.06.2009 | Teammanagement

Was tun, wenn private Sorgen die Arbeit behindern?

von Mihrican Özdem, Diplompsychologin, Landau

Es gibt Zeiten, in denen eins zum anderen kommt: Das Kind hat Schulprobleme, bei der Mutter wird Demenz festgestellt, der Ehemann wird arbeitslos. Das sind Belastungen, die von kaum jemandem leicht verkraftet werden können. Wie kann man es dennoch schaffen, konzentriert bei der Arbeit zu sein? „Praxisteam professionell“ zeigt Ihnen, wie Sie auch einmal Abstand von Ihren Sorgen nehmen können.  

Sechs hilfreiche Strategien

Wenn Sie bemerken, dass Sie bei der Arbeit aufgrund von persönlichen Problemen zunehmend unkonzentriert sind und Fehler machen, dann sollten Sie etwas dagegen unternehmen. Denn ansonsten kommen Probleme am Arbeitsplatz zu den bestehenden hinzu. Im Folgenden sind einige Techniken aufgeführt, die Ihnen helfen können, Abstand von Ihren Sorgen zu bekommen, zumindest für eine gewisse Zeit. Probieren Sie aus, welche der Techniken Ihnen liegen. Halten Sie sich dabei an folgende Maßgabe: Eine Technik ist für Sie dann gut, wenn sie Ihnen auch wirklich gut tut. Zwingen Sie sich zu nichts.  

 

Sich mit Worten beruhigen

Gedanken an Sorgen gehen in der Regel mit starker Unruhe einher. Beruhigen Sie sich, indem Sie sich zum Beispiel sagen „Es ist sehr schwer im Moment, aber das wird vorübergehen“, „Für jedes Problem gibt es eine Lösung, ich schaffe das schon“ oder „Vielleicht löst sich vieles von allein, ich muss mich jetzt nicht verrückt machen“. Bei der Selbstberuhigung geht es um verständnisvolle Zuwendung zu sich selbst.  

 

Verwechseln Sie diese Selbstberuhigung nicht mit der Technik des positiven Denkens. Wenn man Belastungen ausgesetzt ist, ist es völlig normal, negative Gedanken zu haben. Es funktioniert oft gar nicht, diese wegzudrängen - sie drängen sich erst recht wieder auf. Und dann hat man Schuldgefühle, es nicht geschafft zu haben.  

 

Belastendes niederschreiben

Wenn Ihre Gedanken immer wieder um die Sorgen kreisen und Sie kaum abschalten können, dann versuchen Sie es mit dem Niederschreiben. Damit verbleiben die Gedanken nicht mehr (nur) in Ihrem Kopf, sondern werden nach außen - auf ein Papier - verlagert. Wenn Sie mögen, kaufen Sie sich eine schöne Kladde dafür, sozusagen eine Sorgenkladde. Wenn Sie dann während der Arbeit feststellen, dass Sie immer wieder an Ihre Probleme denken müssen, ziehen Sie sich - wenn möglich - ein paar Minuten zurück, um die wichtigsten Gedanken aufzuschreiben. Schlagen Sie dann die Kladde zu und distanzieren sich dabei auch innerlich von den Themen.  

 

Wenn Sie bemerken, dass das Schreiben Ihre Gedanken erst recht anregt, dann ist diese Methode nichts für Sie. Vielleicht hilft Ihnen das Schreiben aber, wenn Sie mehr Zeit und Ruhe als bei der Arbeit haben, zum Beispiel abends oder vor dem Zubettgehen.  

 

Schubladentechnik

Bei der Schubladentechnik stellen Sie sich einen Schubladenschrank vor, der mehrere Schubfächer hat. Diese Schubfächer beschriften Sie in der Vorstellung mit den einzelnen Sorgen. Kommt es bei der Arbeit zur Ablenkung durch ein Problem, dann legen Sie das Problem gedanklich in die jeweilige Schublade. Die Schubladentechnik hat nichts mit Gute-Laune-Spielen zu tun. Sie distanzieren sich lediglich für eine Weile von Themen, die Sie belasten, und kommen Ihrer Verantwortung im Beruf nach. Sagen Sie sich, dass Sie im Moment arbeiten müssen und dass Sie sich nach Dienstschluss um das Problem Gedanken machen werden. Lösen Sie dann Ihr Versprechen auch ein: Tun Sie nach der Arbeit, was für die Problemlösung nötig ist.  

 

Achtsamkeitstechnik

Versuchen Sie, das, was Sie gerade tun, sehr sorgfältig zu tun. Damit lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit von innen nach außen. Sie sortieren gerade Unterlagen in Patientenakten? Dann nehmen Sie bewusst das Papier wahr, das Sie in der Hand halten, nehmen Sie bewusst wahr, wie Sie es einheften, wie Sie den Ordner ins Regal stellen usw. Sie suchen gerade einen freien Termin für eine Patientin? Dann konzentrieren Sie sich auf die Einträge im Terminbuch, auf Ihr Gespräch mit der Patientin usw.  

 

Minipausen einlegen

Wenn Sie wiederholt eine Arbeit nicht erledigen können, zwingen Sie sich nicht, die Tätigkeit gehetzt zu Ende zu führen. Sie verheddern sich nur noch mehr. Unterbrechen Sie die Arbeit gezielt, gehen Sie kurz ans Fenster oder auf den Balkon, „schütteln“ sich einmal innerlich, atmen einige Male tief ein und aus, sammeln sich wieder, und kehren an die Arbeit zurück.  

 

Prioritäten setzen bei der Arbeit

Je belastender Ihre Sorgen sind, desto weniger werden Sie es schaffen, diese den ganzen Arbeitstag lang vom Leib zu halten. Lassen Sie bei weniger wichtigen Tätigkeiten die „fünf mal gerade sein“ und konzentrieren sich dafür bei Tätigkeiten, bei denen Fehler gravierende Folgen hätten. Beim Aufziehen einer Spritze oder der Zuordnung von Blut- oder Urinproben dürfen Sie keine Fehler machen. Aber es geht nicht die Welt unter, wenn die Zeitschriften im Wartezimmer durcheinanderliegen.  

Wie steht es mit Ihren Einstellungen zu Problemen?

Um Abstand von den eigenen Sorgen zu gewinnen, kann man die genannten Maßnahmen anwenden. Noch hilfreicher ist es, die eigene Einstellung zu Problemen zu prüfen und gegebenenfalls zu ändern.  

 

Erlauben Sie sich, Probleme zu haben

Es kann sein, dass Sie sich Probleme und das Leiden darunter gar nicht erlauben, wie das häufig beim Helfersyndrom der Fall ist (lesen Sie zum Helfersyndrom Ausgabe 1/2009 von „Praxisteam professionell“). Damit machen Sie es sich allerdings schwerer, als Sie es ohnehin schon haben. Gestatten Sie sich, Sorgen zu haben und nicht immer stark sein zu müssen. Vergleichen Sie sich nicht mit anderen. Maßgeblich ist Ihr Empfinden. Wenn Sie sich belastet fühlen, dann ist das so. Bewerten Sie dies nicht.  

Betrachten Sie Probleme als zum Leben gehörend

In der Regel streben wir ein Leben ohne Leid an. Es wäre uns am liebsten, dass wir immer glücklich sind und dass unser Glück von nichts beschattet wird. Aber ist das möglich? Zur Natur des Menschen gehört, dass sich Gefühle abwechseln - nach einem Tief kommt auch wieder ein Hoch. Wie lange diese Phasen allerdings anhalten, hängt auch von unserer Einstellung ab. Wenn wir Leid als zum Leben gehörend akzeptieren, dann werden wir weniger lang in einem Tief stecken bleiben oder das Leid wird weniger quälend sein. Denn Akzeptanz hat immer etwas Versöhnliches und belastet weniger, als dagegen zu kämpfen.  

Zusammenfassung

Was bedeuten diese Erkenntnisse konkret für die Arbeit? Dass Sie Schmerzgefühle da sein lassen und dennoch Ihre Arbeit tun können. Probieren Sie es einmal aus: Fällt es Ihnen leichter, sich auf eine bestimmte Tätigkeit zu konzentrieren, wenn Sie mit Ihrem Schicksal hadern oder wenn Sie es relativ wertfrei stehen lassen? Abschließend noch einmal alle Hinweise im Überblick:  

 

Strategien zum Umgang mit Problemen

  • Beruhigen Sie sich selbst mit tröstlichen Worten.
  • Zwingen Sie sich keine positiven Gedanken auf.
  • Schreiben Sie belastende Gedanken nieder.
  • Packen Sie die Sorgen kurzfristig in eine Schublade.
  • Üben Sie Achtsamkeit bei einer Tätigkeit.
  • Legen Sie, wann immer möglich, Minipausen ein.
  • Konzentrieren Sie sich auf die wichtigen Tätigkeiten.
  • Erlauben Sie sich weniger Perfektion bei weniger wichtigen Arbeiten.
  • Erlauben Sie sich, Probleme zu haben und nicht stark sein zu müssen.
  • Betrachten Sie Probleme als zum Leben gehörend.
Quelle: Ausgabe 06 / 2009 | Seite 15 | ID 127380