27.08.2009 | Patientenkommunikation
Patienten mit geminderter Intelligenz
in der Arztpraxis
von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, München
Im Kontakt mit Patienten fällt immer wieder auf, dass Menschen unterschiedliche Fähigkeiten besitzen, die Realität zu durchdringen. Als Medizinische Fachangestellte (MFA) sind Sie verpflichtet, auf diese individuellen Voraussetzungen zu reagieren. „Praxisteam professionell“ erläutert Ihnen Formen der Intelligenzminderung und Regeln für den Umgang mit intelligenzgeminderten Menschen.
Informationen müssen verstanden werden
Unter Intelligenz versteht man die geistige Fähigkeit eines Menschen, Zusammenhänge zu erkennen und Probleme zu lösen. Dieses Vermögen bezieht sich auf praktische und abstrakte Themen. Es sind Leistungen der Intelligenz, das Wetter zu beurteilen und vor dem Verlassen des Hauses entsprechende Kleidung anzulegen oder den Küchenherd sachgerecht für die Zubereitung warmer Speisen einzusetzen. Mehr Abstraktionsvermögen ist nötig, um sich sozial angemessen zu verhalten, etwa regelmäßig den Arbeitsplatz aufzusuchen. Auch Fragen wie „Welchen Sinn hat das Leben?“ oder „In welcher Form beeinflusst menschliches Handeln die Zukunft?“ sind nur mit intellektueller Einsicht zu beantworten.
Als MFA müssen Sie sich stets vergewissern, dass ein Patient, dem Sie Verhaltensregeln mitgeben, auch in der Lage ist, diese zu verstehen und selbstständig umzusetzen. Wenn Patienten die Tragweite einer Maßnahme nicht erkennen können, sollten Sie Unterstützung veranlassen (etwa durch einen Pflegedienst) oder die Sorgeberechtigten informieren.
Aspekte der Messung von Intelligenz
Die Messung von Intelligenz erfolgt über standardisierte Tests. Man nimmt an, dass die Normalintelligenz bei einem Quotienten (IQ) von etwa 100 gegeben ist. Dieses Maß ist umstritten, weil sich in der Bewertung auch Faktoren spiegeln, die nur eine bedingte Aussage über die Intelligenz eines Individuums zulassen.
Formen der Intelligenzminderung
Intelligenzminderungen sind von der Weltgesundheitsorganisation im Rahmen der ICD-10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) in der Gruppe F (psychische Krankheiten und Verhaltensstörungen) nach ihrer Schwere eingeordnet worden:
F 70 (leichte Intelligenzminderung)
Intelligenzquotient liegt zwischen 50 und 69; allgemein bildende Schulen nicht oder nur mit großer Unterstützung absolvierbar; Erwachsene erreichen das Niveau eines zwölfjährigen Kindes; selbstständige Lebensführung und Ausübung angemessener Berufe möglich.
F 71 (mittelgradige Intelligenzminderung)
Intelligenzquotient liegt zwischen 35 und 49; Erwachsene erreichen das Niveau eines neunjährigen Kindes; es bestehen Entwicklungsverzögerungen; Selbstständigkeit in einigen Lebensbereichen und berufliche Ausbildung im geschützten Rahmen möglich; für komplexere Zusammenhänge Unterstützung notwendig.
F 72 (schwere Intelligenzminderung)
Intelligenzquotient liegt zwischen 20 und 34; Erwachsene erreichen das Niveau eines sechsjährigen Kindes; Lesen und Schreiben nicht erlernbar; dauerhaft angelegte und umfassende Assistenz erforderlich.
F 73 (schwerste Intelligenzminderung)
Intelligenzquotient liegt unter 20; Erwachsene erreichen das Niveau eines dreijährigen Kindes; selbstständige Körperpflege nicht möglich; lückenhafte Kontrolle über den Abgang von Urin und Stuhl; Kommunikation und Bewegungsfähigkeit eingeschränkt; intensive Betreuung rund um die Uhr erforderlich.
Begleitende Probleme
Intelligenzminderung geht häufig mit weiteren Problemen einher. Für Sie als MFA ist es wichtig, diese Begleiterscheinungen zu erkennen, um angemessen darauf reagieren zu können:
- Verzögerungen in der kindlichen Entwicklung können das intellektuelle Fassungsvermögen sowie die Emotionen betreffen.
- Unbeherrschbare Aggressionen können auf den Betroffenen selbst oder auf andere Menschen gerichtet sein (Vorsicht: Verletzungen, die diese Patienten sich selbst zufügen, sind leicht mit Zeichen einer Misshandlung zu verwechseln. Enge Kommunikation unter allen Beteiligten ist notwendig).
- Veränderungen der Hirnstruktur können alle anderen Bereiche der menschlichen Ausdrucksfähigkeit beeinträchtigen, etwa die emotionale Schwingungsfähigkeit, die soziale Reife und die zwischenmenschliche Kontaktaufnahme.
Schließen Sie aus der eingeschränkten Variationsbreite der Reaktionen keinesfalls auf mangelhafte Empfindungsfähigkeit. Menschen mit einer Intelligenzminderung sind oft sehr sensibel für emotionale Signale. Abwertend formulierte Sätze und (mehr oder weniger) offen gezeigte Ablehnung können heftige Reaktionen auslösen.
Patienten sorgfältig beobachten ...
Da die Übergänge zwischen den Stufen der intellektuellen Leistungskraft fließend sind, ist es nicht sinnvoll, erst dann zu reagieren, wenn aus der Patientenakte die manifeste Diagnose einer Intelligenzminderung hervorgeht. Da Leistungsfähigkeit sich schleichend reduzieren kann (etwa bei einer demenziellen Erkrankung), sollten Sie permanent überprüfen, ob gefährdete Patienten weiterhin der Sorge für ihre Gesundheit oder der Vermeidung von Krankheitsfolgen nachkommen können.
... und einfühlsam behandeln
Streuen Sie zum Beispiel in ein Informationsgespräch Fragen ein, mit deren Hilfe Sie herausfinden können, wie ein Patient Ihre Anweisungen verstanden hat und ob er sich zuverlässig an sie erinnert. Es genügt nicht, lediglich den nächsten Untersuchungstermin mitzuteilen oder ihn auf einem Zettel zu notieren. Vielmehr sollten Sie nachfragen, ob der Termin in die sonstigen Verpflichtungen passt und ob der Patient weitere Erinnerungshilfen konstruiert hat. Möglicherweise ist es hilfreich, noch einmal anzurufen, wenn der Patient allein lebt, oder Familienmitglieder zu informieren, die sich um den Patienten kümmern.
Regeln für den Umgang mit intelligenzgeminderten Patienten
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