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30.10.2009 | Patientenkommunikation

Mehrsprachige MFA: Versorgen und Dolmetschen

von Sebastian Schnabel, Medienbüro Medizin, Hamburg

„I am sick.“ Die englische Version von „Ich bin krank“ können die meisten Praxismitarbeiter übersetzen. Aber wie sieht es mit dem türkischen „Hastayim“ aus? Oder dem polnischen „Jestem chory“? In vielen deutschen Städten sind Polnisch, Türkisch, Italienisch und Russisch häufiger zu hören als Englisch. Das gilt auch für Arztpraxen. Wenn Ärzte und Patienten nicht dieselbe Sprache sprechen, findet die Behandlung mit Hindernissen statt. Nicht selten übernehmen Medizinische Fachangestellte (MFA) die Rolle von Dolmetschern. Dabei kommt vielen MFA mit Migrationshintergrund entgegen, dass sie neben Deutsch noch ihre Muttersprache beherrschen. Aber auch MFA, die einsprachig aufgewachsen sind, können mit einer erlernten Fremdsprache das Angebot der Praxis erweitern und damit gleichzeitig ihre Position in der Praxis stärken.  

In Bewerbungen auf Sprachenkenntnisse hinweisen

Im Jahr 2007 lebten in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 2,5 Millionen Menschen türkischer Abstammung. Sie bilden die größte Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergrund. Von den EU-Staaten sind die Italiener (rund 761.000) und Polen (638.000) am häufigsten vertreten. MFA, die türkisch, italienisch oder polnisch sprechen, sollten bei Bewerbungen auf eine neue Stelle deutlich darauf hinweisen. Besonders in Großstädten ist der Anteil von Personen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, sehr hoch. In den Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen haben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund ein Viertel der Einwohner einen Migrationshintergrund. In einzelnen Stadtteilen ist der Anteil noch höher. Arztpraxen in Bezirken wie beispielsweise Berlin-Kreuzberg sind fast schon darauf angewiesen, dass ein oder mehrere Praxismitarbeiter über Fremdsprachen-Kenntnisse verfügen.  

Aufklärungspflicht: Ärzte in der Verantwortung

Ein Urteil des Kammergerichts (KG) Berlin vom Mai 2008 besagt, dass Ärzte sicherzustellen haben, dass ihre Patienten sie auch verstehen (Az: 20 U 202/06). Das betrifft schon das Anamnese-Gespräch und nicht nur die Aufklärungspflicht. Ärzte müssen auch dafür Sorge tragen, dass die Patienten ihre Beschwerden präzise darstellen können. Ist dies nicht möglich, weil Arzt und Patient nicht dieselbe Sprache sprechen, müssen Ärzte die Behandlung ablehnen oder einen Dolmetscher hinzuziehen. Die Funktion eines Übersetzers können MFA oder Angehörige der Patienten übernehmen.  

Ärzte schätzen MFA als Übersetzer

Das Urteil des Gerichts stärkt auch die Position mehrsprachiger MFA. Sie können sicherstellen, dass keine Patienten wegen mangelnder Sprachkenntnisse abgewiesen werden müssen. Darauf sollten MFA ihre Praxischefs ruhig einmal hinweisen. Denn manch niedergelassener Arzt ist sich der außergewöhnlichen Leistung seiner Angestellten nicht immer bewusst - selbst wenn er davon Gebrauch macht. Das ist zumindest eines der Ergebnisse eines Forschungsprojekts des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zu „Interkulturellen Kompetenzen“. Bei dieser Untersuchung wurden unter anderem die Arbeitgeber von MFA mit Migrationshintergrund zu den Tätigkeiten ihrer Mitarbeiter befragt. Selbst wenn die MFA relativ häufig zum Dolmetschen eingesetzt wurden, nannte keiner der Arbeitgeber von sich aus diese Kompetenz. Erst auf ausdrückliche Nachfrage hin bestätigten die Ärzte diesen Einsatz. Die Untersuchung hat aber auch gezeigt, dass Ärzte diese Kompetenzen zu schätzen wissen. Sie bestätigten, dass die Fremdsprachen-Kenntnisse den Patientenkontakt vereinfachten und dem Arzt „eine gewisse Sicherheit“ gäben, wenn Patienten nicht Deutsch sprechen.  

KV Bremen: Viele Sprachen in den Praxen

Die Kassenärztliche Vereinigung Bremen (KVHB) hat im Sommer dieses Jahres die Sprachfähigkeiten der Arzt- und Psychotherapeutenpraxen erhoben. Danach geben 79 Prozent aller Ärzte in Bremen und Bremerhaven an, im Praxisalltag eine Fremdsprache zu nutzen. Das Spektrum reicht von Französisch und Englisch bis zu Indonesisch und Japanisch. Gerade typische Zuwanderersprachen werden genutzt. In 77 Praxen kommt Russisch zum Einsatz, gefolgt von Italienisch (62), Türkisch und Polnisch (jeweils 21).  

 

Praxistipp: Nicht nur bei ihrer KV können Arztpraxen die Sprachkenntnisse ihrer Mitarbeiter angeben. Falls Ihre Praxis Einträge in (Online-)Branchenbüchern hat, sollten Sie dabei auch die Sprachen hervorheben. Viele Patienten, die nicht Deutsch sprechen, suchen sich ihre Praxen nicht zuletzt danach aus, wo eine unkomplizierte Kommunikation möglich ist.  

Fazit: Ein Mehrwert für die Praxis

MFA, die Fremdsprachen beherrschen, erweitern das Angebot der Praxis. Das sollte auch finanziell honoriert werden. Dazu müssen Sie kein Muttersprachler sein. Wenn Sie ein Talent für Sprachen haben, sollten Sie Ihre Fähigkeiten nicht verstecken. Ein Auffrischungskurs kann Ihre Erinnerung wiederbeleben. Und für medizinische Fachausdrücke gibt es besondere Lexika. Diese Wörterbücher bieten sich auch für Praxen an, in denen MFA arbeiten, deren Muttersprache beispielsweise Türkisch oder Polnisch ist, die aber in Deutschland ausgebildet wurden.  

Quelle: Ausgabe 11 / 2009 | Seite 15 | ID 131200