17.12.2009 | Patientenkommunikation
Depressive Patienten in der Arztpraxis
von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, München
Nach offiziellen Schätzungen erlebt etwa jeder fünfte Bundesbürger bis zum 65. Lebensjahr mindestens einmal eine depressive Phase. Die Erkrankten beginnen jedoch meist nicht von selbst, über ihre Probleme zu reden. Es ist daher unumgänglich, dass das gesamte Praxisteam mit den Grundlagen des Krankheitsbildes vertraut ist, um Patienten, die zu den Risikogruppen gehören (zum Beispiel Alleinstehende, Schwangere, Trauernde, Suchtkranke), erkennen zu können. Nur so kann frühzeitig mit einer adäquaten Behandlung begonnen werden.
Kennzeichen einer Depression
Normalerweise verfügen Menschen über eine weite emotionale Schwingungsbreite. Es gehört zum Leben, auf Ereignisse der Umgebung mit Emotionen zu reagieren, die von einer fröhlichen bis zu einer traurigen Gestimmtheit reichen. Krankheitsbedingt oder durch starke Reize kann sich diese Fähigkeit auf einen schmalen Ausschnitt der möglichen Gemütslagen reduzieren. Ein Verharren in niedergeschlagener Stimmung nennt man Depression. Das Wort stammt aus dem Lateinischen, das Verb deprimire bedeutet auf Deutsch „niederdrücken“.
Eine manifeste Depression ist mehr als nur eine schlechte Stimmung, tiefe Trauer oder ein allgemeiner Ausdruck von Enttäuschung. Die davon betroffenen Menschen sind ihren Empfindungen hilflos ausgeliefert. Folgende Zeichen sind bei einer Depression fast immer vorhanden und werden deshalb als Hauptsymptome bezeichnet:
- Gedrückte Stimmung: Betroffene sagen, dass es in ihrem Leben keine Hoffnung mehr gebe. Sie berichten typischerweise von einem „Morgentief“, also einer besonders ausgeprägten Gefühlsschwankung nach dem Aufwachen mit einer leichten Besserung im Tagesverlauf. Ungerichtete Ängste sind fast immer vorhanden.
- Verlust der Interessen: Bezieht sich oft auf Haushalt, Körperpflege, berufliche Pflichten, Freizeitaktivitäten und Hobbys.
- Verminderter Antrieb: Betroffene fühlen sich kraftlos und den Anforderungen des Alltags hilflos ausgeliefert.
Zusätzlich können Sie oft weitere Depressionszeichen erkennen:
- Verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit: Gekennzeichnet durch wiederkehrende Grübeleien und Denkhemmungen.
- Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen: Betroffene sehen sich von durchaus normalen Situationen überfordert.
- Pessimistische Zukunftsperspektiven: Es besteht die Erwartung, dass sich die jeweilige Erkrankung sowie die Depression niemals bessern werden. Die Zukunft erscheint aussichtslos.
- Schlafstörungen: Meist treten Durchschlafstörungen und ungewöhnlich frühes Erwachen auf.
- Schuldgefühle und Gefühle von Wertlosigkeit: Sie beziehen sich auch auf Fähigkeiten zum Beispiel im Beruf, die bis dahin problemlos angewendet werden konnten. Betroffene erleben sich als beziehungsunfähig.
- Suizidgedanken: Sie bestehen nicht unbedingt in dem Wunsch, dem eigenen Leben aktiv ein Ende zu setzen, sondern können sich auch als Hoffnung auf eine unheilbare und tödlich verlaufende Erkrankung zeigen.
- Verminderter Appetit: Betroffene sagen, sie müssten sich regelrecht zum Essen zwingen.
Wichtig zu wissen ist, dass depressive Verstimmungen bei älteren Menschen nicht anders geartet sind als in jüngeren Jahren. Allerdings zeigen Ältere häufiger entsprechende Symptome. Darüber hinaus haben Studien belegt, dass Frauen häufiger von Depressionen betroffen sind als Männer.
Beachten Sie: Die Symptome, von denen die Patienten berichten, lassen oft eine körperliche Erkrankung vermuten. Beschwerden wie Schlafstörungen, mangelnder Appetit oder schnelle Ermüdbarkeit können auch bei Infektionen auftreten.
Ursachen von Depressionen
Depressionen sind meist das Ergebnis eines vielschichtigen Prozesses. Trotzdem lassen sich einige Auslöser identifizieren, die entweder auf genetische Faktoren, Erkrankungen oder biografische Ereignisse zurückzuführen sind. Die Abgrenzung einer traurigen, niedergeschlagenen Stimmung zu einer krankhaften und damit behandlungsbedürftigen Veränderung der Psyche, ist nur durch eine fachärztliche Untersuchung möglich.
Wissenschaftler vermuten, dass ein bestimmtes genetisches Merkmal sowie eine erhöhte Empfindsamkeit des Nervensystems eine Depression hervorrufen können. Auch starker und länger andauernder Stress beeinflusst das Nervensystem ungünstig und kann zu einer Veränderung der hormonellen Situation und damit zu einer Depression führen.
Fast alle Arzneimittel können auf die Stimmung Auswirkungen haben. Besonders häufig beobachtet man diesen Effekt bei Patienten, die Mittel gegen Epilepsie, Benzodiazepine, Zytostatika, Glukokortikoide, Antibiotika, Lipidsenker, Neuroleptika oder Betablocker einnehmen.
Gelegentlich sind einschneidende Erlebnisse, etwa eine Vergewaltigung oder andere Missbrauchserfahrungen, Kriegs- und Katastrophenerlebnisse sowie der Verlust eines nahestehenden Menschen als Auslöser auszumachen. Auch Ereignisse, die allgemein als positiv eingeordnet werden (zum Beispiel eine Heirat) oder Lebensumstände, denen üblicherweise keine weitergehende Bedeutung zugemessen wird (etwa ein Umzug), sind als Ursachen denkbar.
Depressionen treten auch in Abhängigkeit zur Jahreszeit auf. Bekannt ist die „Winterdepression“, für die ein Mangel an Sonnenlicht als Auslöser diskutiert wird. Schließlich gibt es auch Depressionen, die aufgrund körperlicher Erkrankungen entstehen, v.a. durch Störungen der hormonbildenden Organe wie Schilddrüse, Hypophyse oder Nebennieren.
Tipps für den Umgang mit depressiv gestimmten Patienten
Menschen, die sich in einer Phase der Depression befinden, sind von ihren gewohnten Außenkontakten abgekoppelt. Sie fühlen sich nicht in der Lage, ihre Empfindungen angemessen mitzuteilen. Gleichzeitig ist es sehr schwer, aus der Distanz einen umfassenden Eindruck von der seelischen Verfassung zu gewinnen.
Denken Sie an diese Grenzen der Kommunikation, wenn Sie mit Menschen umgehen, die offenkundig an einer Depression leiden. Eine unsensible Ansprache verstärkt bei ihnen das Gefühl, von der Umwelt abgekapselt zu sein und kann sie weiter in die Erkrankung hineintreiben. Folgende Regeln der Kommunikation haben sich in der Praxis als sinnvoll erwiesen:
- Finden Sie die Balance zwischen Aktivierung des Patienten und Überbehütung
- Vermitteln Sie Akzeptanz der Krankheit
- Nehmen Sie Gefühle des Erkrankten ernst, weisen Sie aber auf Differenzen zur Realität hin (Wahrhaftigkeit im Gespräch)
- Kommunizieren Sie lösungsorientiert
Falls Sie bemerken, dass der betroffene Patient in seinem privaten Umfeld keine Unterstützung hat, weil er zum Beispiel allein lebt, ist es ratsam, eine Versorgung durch den sozialpsychiatrischen Dienst oder einen ambulanten Pflegedienst anzuregen.
Vorsicht: Besteht der Verdacht, dass der Betroffene Suizidwünsche hegt, sprechen Sie das Thema am besten direkt an und informieren Sie umgehend Ihren Chef/Ihre Chefin.