Praxiswissen auf den Punkt gebracht.
logo
  • Meine Produkte
    Bitte melden Sie sich an, um Ihre Produkte zu sehen.
Menu Menu
MyIww MyIww

29.07.2010 | Patientenkommunikation

Arzneimittelabhängige Patienten in der Arztpraxis

von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, München

Arzneimittelabhängigkeit ist eine stille Suchterkrankung. Die Betroffenen wissen oft selbst nicht, wie problematisch ihr Konsum ist und sie fallen auch nicht aus ihren gesellschaftlichen Rollen - solange der Nachschub per Rezept sichergestellt ist. Anders als weithin vermutet, spielen bei der Arzneimittelabhängigkeit opioide Schmerzmittel nur eine sehr untergeordnete Rolle. Die Erkrankung ist vielmehr mit einer Wirkstoffgruppe verknüpft, die auch von Ärzten für viel harmloser gehalten wird, als sie es eigentlich ist: Benzodiazepine.  

Abhängigkeit von Benzodiazepinen

Seit der amerikanische Chemiker Leo Sternbach im Jahre 1957 zum ersten Mal ein Benzodiazepin synthetisierte, hat sich diese Stoffgruppe zu den am häufigsten verordneten Arzneimitteln entwickelt. Dies liegt auch an ihrer Anwendungsbreite. Benzodiazepine (zum Beispiel Diazepam und Tetrazepam) lassen sich bei Schlafstörungen einsetzen. Sie wirken beruhigend, angstlösend und muskelentspannend. Als Notfallmedikament sind sie bei Krampfanfällen und nach Herzinfarkten nützlich und sie kommen bei zahlreichen Befindensstörungen sowie psychischen Beeinträchtigungen zum Einsatz.  

 

Nach einer Zählung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen sind etwa 80 Prozent aller Fälle von Arzneimittelabhängigkeit auf Benzodiazepine zurückzuführen. Betroffen sind vor allem Menschen jenseits des 60. Lebensjahres. Knapp 2 Millionen Bundesbürger seien als medikamentenabhängig zu bezeichnen.  

 

Das größte Risiko der Benzodiazepine ist ihr enormes Suchtpotenzial, das sich in psychischen und körperlichen Anzeichen äußert. Nimmt ein Patient sie länger als etwa acht Wochen am Stück ein, kann sich eine Gewöhnung einstellen, die es unmöglich macht, das Arzneimittel abrupt abzusetzen. Ein plötzliches Absetzen kann Entzugssymptome (Schlaflosigkeit, Unruhe, Zittern, Angst und Alpträume) sowie Krampfanfälle und Psychosen hervorrufen.  

 

Soll ein Patient das Benzodiazepin nach längerer Einnahme nicht mehr erhalten, ist es notwendig, einen Plan für das schrittweise Ausschleichen des Medikaments aufzustellen, der strikt eingehalten und vom Behandlungsteam konsequent überwacht werden sollte.  

 

Beachten Sie: Sie sollten Patienten, die ein Benzodiazepin neu verordnet erhalten, darauf hinweisen, dass dieses Arzneimittel die Fähigkeit zur Teilnahme am Straßenverkehr beeinträchtigt.  

 

Zeichen einer Abhängigkeit erkennen

Da eine Benzodiazepinabhängigkeit oft keine äußeren Zeichen verursacht, geht sie im Praxisalltag leicht unter. Trotzdem sind die betroffenen Patienten beeinträchtigt, weil sie täglich auf die entsprechenden Präparate angewiesen sind, durch deren Wirkung in ihrem natürlichen Gefühlsleben eingeschränkt werden und im Laufe der Zeit immer höhere Dosen benötigen, um den Entzugserscheinungen zu entgehen. „Praxisteam professionell“ hat im Folgenden eine Übersicht von Zeichen zusammengestellt, die Ihnen als MFA auffallen sollten und aus denen Sie den Schluss ziehen können, dass ein Eingreifen zum Wohle des Patienten notwendig ist.  

 

Grundsätzlich sollten Sie all jene Patienten im Blick haben, die ein Benzodiazepin-Präparat kontinuierlich rezeptiert bekommen. Es liegt in der Struktur des Gesundheitswesens, dass solche Verordnungen zum Beispiel nach einem stationären Krankenhausaufenthalt auch in der ambulanten Versorgung weitergeführt werden. So kann es etwa sein, dass ein Patient für einen chirurgischen Eingriff ins Krankenhaus überwiesen wurde und dort aufgrund einer aktuellen Diagnose ein Benzodiazepin erhielt. Im Arztbrief ist dieses dann in der Medikationsliste aufgeführt und wird gegebenenfalls vom anschließend zuständigen Arzt in der ambulanten Betreuung weiter verordnet. Wie auch immer die Abhängigkeit zustande kam - ihre Zeichen sind häufig sehr typisch.  

Zeichen einer Benzodiazepinabhängigkeit

  • Der Patient berichtet von unerwünschten Wirkungen des Arzneimittels, zum Beispiel:
  • Verminderung der Konzentrationsfähigkeit,
  • Verminderung der Gedächtnisleistung,
  • Abstumpfung der Gefühle,
  • Abgeschlagenheit,
  • Körperliche Ermüdung.
  • Der Patient berichtet von zusätzlichen - angeblich günstigen - Wirkungen des Arzneimittels, wenn er es zum Beispiel zuerst als schlafförderndes Mittel erhielt und nun auch tagsüber zur Verminderung seiner Unruhe einsetzt.
  • Der Patient berichtet (auf Nachfrage), dass er das Arzneimittel stets dabei hat, um es bei Bedarf als „Krisenhelfer“ einzunehmen.
  • Eine Dosissteigerung ist an der erhöhten Zahl der Rezeptierungen bzw. der Steigerung der Packungsgrößen erkennbar.

Abhängige besuchen oft mehrere Ärzte

Schwierig wird es für MFA, wenn die Abhängigkeit schon weit fortgeschritten ist und der Patient eine Taktik der Verschleierung betreibt. So ist es durchaus möglich, dass er eine Dosissteigerung verheimlicht, indem er dasselbe Präparat über Rezepte bei mehreren Ärzten erhält. Diesem Problem können Sie nur begegnen, wenn Sie diesen Verdacht in einem ungestörten Moment ansprechen. Dabei sollten Sie behutsam, aber konsequent vorgehen. Vielleicht hilft es, dem Patienten die langfristigen Wirkungen des Missbrauchs vor Augen zu führen, um ihn zur Offenlegung des Umfangs seines Konsums zu bewegen.  

Tipps zur Gesprächsführung

Patienten mit einer Abhängigkeit sind nur in den seltensten Fällen, etwa beim Auftreten schwerwiegender Folgen der Erkrankung, bereit, von sich aus Hilfe zu suchen oder Unterstützungsangebote anzunehmen, die an sie herangetragen werden.  

 

Erfolg versprechend ist ein Gespräch über dieses Thema nur dann, wenn zwischen mindestens einem Mitglied des Praxisteams und dem Betroffenen ein offenes und vertrauensvolles Verhältnis besteht. Als MFA können Sie gerade in diesem schwierigen Bereich der Versorgung eine wertvolle Hilfe bei der Behandlung leisten. Möglicherweise nimmt der Patient den Kontakt zu Ihnen - anders als zum Arzt - als weniger offiziell und deshalb unkomplizierter wahr. Wichtig ist in diesem Zusammenhang eine gute teaminterne Kommunikation. Informationen, die Sie von dem Patienten erhalten, müssen Sie im Rahmen der regelmäßigen Teambesprechungen kund tun. Dabei ist jedoch immer die Vertraulichkeit zu beachten. Sachverhalte, die der Patient Ihnen persönlich mitgeteilt hat und die erkennbar nichts mit dem medizinischen Problem zu tun haben, müssen Sie vertraulich behandeln - das heißt, Sie dürfen mit niemandem darüber sprechen.  

 

Alle Informationen, die jedoch geeignet sind, einer sachgerechten Behandlung zu dienen, müssen im Team und vor allem dem behandelnden Arzt bekannt werden. Vermeiden Sie im Gespräch den Eindruck, Sie wollten den Patienten aushorchen. Spielen Sie mit offenen Karten, indem Sie Ihr Gesprächsziel klar mitteilen, und stellen Sie vor allem in den Vordergrund, dass es darum geht, Hilfe anzubieten und negative Konsequenzen zu vermeiden.  

 

Wenn bei einem Patienten der Verdacht auf einen Arzneimittelmissbrauch besteht, können Sie die erforderlichen Informationen zum Beispiel mit folgenden Fragen sammeln:  

 

Gesprächsleitfaden „Verdacht auf Medikamentenabhängigkeit“

  • Bei welchen Beschwerden nehmen Sie das Medikament ein?
  • Haben Sie bemerkt, dass die Häufigkeit der Einnahme in den vergangenen Wochen (oder Monaten) gestiegen ist?
  • Beabsichtigen Sie mit der Einnahme auch eine Verbesserung Ihrer Stimmung?
  • Welche Wirkungen bemerken Sie, wenn Sie das Medikament nicht nehmen - oder ist eine solche Situation in der letzten Zeit nicht aufgetreten?
 

Quelle: Ausgabe 08 / 2010 | Seite 7 | ID 137460