30.10.2009 | Diagnostik
Discovering Hands: Blinde Frauen ertasten Brustkrebs
Wenn einer der fünf Sinne (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten) ausfällt, schärft das im Allgemeinen die anderen Sinne. Blinde Menschen sind beispielsweise im Alltag auf ein gutes Gehör und einen ausgeprägten Tastsinn angewiesen, zum Beispiel beim Lesen der Blindenschrift. Diese Fähigkeiten können auch aus medizinischer Sicht nützlich sein - etwa in der Diagnostik beim Abtasten von Erkrankungen. Der Duisburger Gynäkologe Frank Hoffmann hat das Projekt „discovering hands“ ins Leben gerufen. Es fördert den Einsatz von blinden Frauen in der Palpationsdiagnostik. Die Frauen werden speziell geschult, um Brustkrebs zu ertasten. Dazu wurde im Projekt die „Methode zur klinischen Brustuntersuchung durch blinde Menschen“ (KBU-B) entwickelt.
Ergänzung bestehender Diagnoseverfahren
Der Tastsinn von Blinden soll nicht andere Diagnose- und Untersuchungsverfahren wie den Ultraschall ersetzen, sondern ergänzen. Blinde Menschen mit hochsensiblem Tastsinn können mitunter auch millimetergroße Knoten aufspüren, die bei einer allgemeinen Ultraschalluntersuchung unentdeckt bleiben könnten. Hat aber eine Untersucherin einen solchen Miniknoten ertastet, eignet sich der Ultraschall zu einer gezielten Nachkontrolle, bei der punktuell das Gewebe an der verdächtigen Stelle unter die Lupe genommen wird.
Soziale Kompetenzen wichtig
Da es sich bei „discovering hands“ um das erste Projekt dieser Art handelt, verfolgt es noch weitere Ziele, die über die Ausbildung von Tast-Untersucherinnen hinausgehen und zukünftige Schulungen vereinfachen sollen. Dazu gehört, eine Prüfungsordnung mit theoretischen und praktischen Prüfungskriterien zu entwickeln. Außerdem muss ein Auswahlverfahren geschaffen werden, um geeignete Teilnehmerinnen für die Schulungen zu finden. Nicht jede blinde Frau eignet sich gleichermaßen zur Tast-Untersucherin. Dazu sind neben einer hohen taktilen Sensibilität auch soziale und kommunikative Kompetenzen wichtig. Das Abtasten der Brust ist ein sehr intimer, persönlicher Vorgang.
Ein hohes Einfühlungsvermögen und ein freundlicher Umgang mit den Patientinnen ist eine wichtige Voraussetzung, die die Situation nicht nur für die Patientinnen angenehmer macht, sondern auch zum Diagnoseerfolg beitragen kann. Denn solange Patientinnen sich nicht emotional entspannen, sind sie auch körperlich angespannt. Die Folge: Die Muskulatur ist entsprechend gestrafft. Das wiederum erschwert das Abtasten - denn nur im weichen, entspannten Gewebe können Knoten erfühlt werden.
Bundesweite Ausbildung blinder Frauen
Das Projekt „discovering hands“ ist mittlerweile erfolgreich abgeschlossen. Sieben Arztpraxen, überwiegend in Nordrhein-Westfalen, aber auch in Chemnitz und Hamburg, bieten die Brust-Untersuchung durch blinde Frauen an. Wegen des Erfolgs ist ein Folgeprojekt gestartet: Die Qualifizierung blinder Frauen zur „Medizinischen Tastuntersucherin“ (MTU).
Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) und „job“ (Jobs ohne Barrieren), eine Initiative für Ausbildung und Beschäftigung behinderter Menschen, treten als Unterstützer auf. Das Projekt verfolgt diverse Ziele: Einerseits soll die Ausbildung blinder Frauen bundesweit ausgebaut werden. Das soll nicht nur die Früherkennung von Brustkrebs verbessern, sondern auch die Teilhabe blinder Menschen am Arbeitsmarkt - vor allem im medizinischen Sektor. Außerdem holen sich Ärzte mit den MTU auch Experten für barrierefreie Arbeitsplätze in die Praxis. Sie können beraten, welche Maßnahmen notwendig sind, um anderen Sehbehinderten die Arbeit in der Praxis zu ermöglichen. Diese Beratungsfunktion können die MTU darüber hinaus auch für die barrierefreie Gestaltung der Warte- und Behandlungszimmer übernehmen. So können sich blinde Patienten besser in der Praxis zurechtfinden. Und es sollen im Rahmen des Projekts nicht nur MTU, sondern auch Ausbilder geschult werden, die zukünftig selbst Lehrgänge leiten.
Ausbildung, Prüfungen und Praktikum
Die Qualifizierung zur MTU dauert ein knappes Jahr. Erst findet eine sechsmonatige Ausbildung statt, an deren Ende eine theoretische Prüfung vor der zuständigen Landesärztekammer (LÄK) steht. MTU müssen vor allem das Krankheitsbild „Brustkrebs“ und den anatomischen Aufbau des menschlichen Körpers lernen. Auch Grundkenntnisse über diagnostische und therapeutische Methoden gehören zum Programm. Nach der theoretischen Prüfung folgt ein dreimonatiges Praktikum in Arztpraxen und/oder Kliniken. Abgeschlossen wird die Ausbildung durch eine praktische Prüfung, ebenfalls vor der LÄK.
Abrechnung: Abtasten durch MTU ist meist IGeL
Auch wenn blinde MTU so ausgebildet werden, dass sie von der Anamneseerhebung bis zur Befunddokumentation möglichst selbstständig arbeiten können, bleiben sie doch bei der Ausübung ihrer Tätigkeit unter der Verantwortung der Praxisärzte. Schon allein deshalb müssen Ärzte MTU nicht als Konkurrenz ihrer Diagnoseverfahren wahrnehmen. Mit einer speziell ausgebildeten Abtasterin können Praxen aber ihr Angebot erweitern und neue Patientinnen auf sich aufmerksam machen. Weitere Informationen unter www.discovering-hands.de.